ruhrspott.com

Das BVB-trunkene Dortmund hat den Niedergang als Bierstadt gemeistert, das offizielle Ruhrgebiet seinen Bierernst aber nie überwunden. In dieser herrlich halbstarken Region fehlt er allzu oft: der souveräne Umgang mit den eigenen Macken, Schwächen und Eitelkeiten. Pars pro toto gilt eher, was Michael Klaus über ›sein‹ Gelsenkirchen-Mitte schrieb: ›Dieser Stadtteil wird nachts beleuchtet von der Panik seiner Bewohner!‹

Grassierende Großmannssucht hierzulande hätte Selbstironie und Spott bitter nötig, jedes Lachen über und Auslachen von Creative-Economy-Dummdeutsch, Politik-Posern, Metropolenwahn und Marketingmurks. Man denke nur an jenen Ruhrgebietsslogan, den 2008 eine Düsseldorfer Werbeagentur namens Grey (!) entworfen hatte: ›Ruhrn Team-Work-Capital‹ sollte der heißen. Und dass da im Teamwork eine Menge Ruhr-Kapital abfloss, darf vermutet werden — die Claim-Entwicklung soll viele Hunderttausend Euro gekostet haben.

Man kann aber auch gekonnt kurz und gut texten, das beweist bei ›ruhrspott‹ Fritz Eckenga und liest ›Mit mir im Reimen. Alle Gedichte und neue‹; hier liefert das Essener Spardosen-Terzett den Soundtrack. Mehr ruhrspezifisch Satirisches von Michael Klaus werden Christine Sommer und Martin Brambach vorstellen, dazu freche Feuilletons des zu Unrecht fast vergessenen Sigismund von Radecki, der in Gladbeck unvermutet sein Ehrengrab fand.

Um aber nicht allein im Ruhr-Saft komisch zu schmoren, haben wir auch Literaten zu Gast, die in ihrer eigenen metropolen bis metropopeligen Heimat deren Alltagsleben, Größenwahn und Sonntagsreden aufs Korn nehmen.

Frank Schulz aus Hamburg ist mit seinen skurrilen Plots um Onno Viets zu hören. Andrej Kurkow (›Jimi Hendrix live in Lemberg‹) kommt aus Kiew und Georg Stefan Troller reist aus Paris an und beweist, dass man über eigene Blamagen sehr gut lachen kann. Kolumnist Harald Martenstein liest aus der Satire-Utopie ›Schwarzes Gold aus Warnemünde‹ und der Frankfurter Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino erzählt von ›Tarzan am Main‹. Die große Erzählerin Katja Lange-Müller spottet über Berliner Abgründe, und die famose Sophie Rois liest New Yorker Geschichten der geistreich-sarkastischen Dorothy Parker. Bei einer neuen Ausgabe der ›Hate poetry‹ ziehen Journalistinnen und Journalisten all jene ihrer Leser durch den Kakao, die eine humane interkulturelle Gesellschaft durch Hass&Häme-Leserbriefe zu verhindern glauben. Als Gegengift wider solche Einfaltspinselei haben wir umgehend den Ex-Juristen Alain Mabanckou eingeladen, aus seinem Roman ›Black Bazar‹ vorzulesen. Aus dem Kongo stammend hat er lange in Paris gelebt, arbeitet und lehrt heute in Santa Monica / Kalifornien.

Gerd Herholz




Fotos: Robert Hörnig